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Mitgliederrundbrief vom 31. Dezember 2023

Wilstedt, 31. Dezember 2023

Guten Tag liebe Mitglieder,

nach den sicher vielfachen kulinarischen Weihnachtsgenüssen wünschen wir allen noch entspannte Tage bis zum Jahreswechsel und dann einen erfreulichen Start in das neue Jahr mit besten Wünschen für die Gesundheit.

Bereits am 31.Oktober endete das Geschäftsjahr unserer Genossenschaft, mit dem wir uns, abweichend vom Kalenderjahr, an den Ernterhythmus der Olive anpassen. Die Inventur ist beendet, und bei einem ersten Überblick werden wir nach dem Verlust im letzten Jahr das Geschäftsjahr wieder mit einem wenn auch kleinen positiven Betriebsergebnis abschließen. In dem schwierigen Umfeld der anhaltenden multiplen Krisen mit der allgemein spürbaren Kaufzurückhaltung war das kein leichtes Unterfangen. Das vor uns liegende Geschäftsjahr 2023/24 wird uns nicht weniger stark herausfordern und in manchen Belangen vor neue Situationen stellen, die auch neue Antworten erfordern.

Nach den erntestarken Jahren 2020/21 mit einer europäischen Gesamtproduktion von 2,1 und 2021/22 mit 2,3 Millionen Tonnen Olivenöl, sank sie 2022/23 auf nur noch 1,4 Millionen Tonnen. Mit Überhängen aus dem Vorjahr konnte das geringe Angebot die Nachfrage noch ausgleichen. Die Ernte 2023/24 fiel nun mit 1,3 Millionen Tonnen erneut niedriger aus als sie die bisher übliche Nachfrage decken kann. (Alle Daten sind der Eurostat-Statistik entnommen.) So haben wir erstmals die allgemeine Marktsituation, dass eine Missernte nicht durch Überhangmengen aus dem Vorjahr ausgeglichen werden kann und die Nachfrage das Angebot in größerem Umfang übersteigt.

Länger ist es schon zu beobachten, dass Olivenöle aus den wöchentlichen Werbeprospekten der Discounter verschwunden sind und ein kontinuierlicher Anstieg der Preise für Olivenöl in den Supermärkten und Discountern festzustellen ist. Verbraucher und Verbraucherinnen werden damit schrittweise an zu erwartende hohe Preise für die kommende Saison herangeführt. Kostete bei Discountern im Frühjahr eine 0,75l Flasche Olivenöl noch 4,39 Euro, steht sie aus der gleichen Ernte 2022/23 in gleicher no name-Qualität aus EU-Anbauländern bereits bei fast 10,00 Euro im Regal. Trotz der gleich gebliebenen Einkaufspreise der letzten Ernte ergeben sich dadurch höhere Gewinnmargen, die gerne mitgenommen werden. Auch in den Rezeptempfehlungen der Werbeschriften des Handels kommt Olivenöl nur noch selten vor, stattdessen werden Raps- und Sonnenblumenöl empfohlen, die als raffinierte Speiseöle nun zu den früheren Preisen für Native Olivenöle Extra angeboten werden, womit sich auch ihr Preis mehr als verdoppelt hat.

 

Was ist passiert?

Auch in unseren Breiten führte der Klimawandel in diesem Jahr zu größeren Verlusten der Landwirte. Was sich in mediterranen Regionen schon länger abzeichnet, überzog in diesem Jahr viele Regionen auf der Welt und in ganz Europa, oft in extremer Ausprägung. Zur „falschen Zeit gab es immer das falsche Wetter“. Im Juli konnte wegen häufigen Regens bei uns in Norddeutschland die Weizenernte nicht begonnen werden, die Körner verloren mit jedem Regentag an Qualität, so dass das Korn zum Schluss nicht mehr als Brotgetreide, sondern nur noch für die Biogasanlage taugte. Und auch Kartoffeln verfaulten vielfach in zu nasser Erde. Zur Blütezeit der Olivenbäume im Frühjahr war es in manchen Regionen mit Temperaturen von bis zu 40°C zu trocken und zu heiß, so dass viele Blüten vertrockneten. Im Anschluss daran folgte wochenlanger Regen, so dass noch erhalten gebliebene Blüten verfaulten und sich keine Fruchtansätze bildeten. Allein in Andalusien führt das zu einem Ernteausfall von in etwa 40% im Vergleich zum 5-Jahres-Durchschnitt (Quelle: Olive Oil Production Forecast der ESAO – Escuela Superior del Aceite de Oliva). Da Spanien fast 45% des weltweiten Anteils an Olivenöl produziert, hat allein dieser Verlust schon erhebliche Auswirkungen auf das Marktgeschehen. Abgesehen von einigen klimatischen Nischen erfassten die fatalen Wetteranomalien alle mediterranen Regionen. Ein Beispiel: Im September fegte ein Hagelsturm mit faustgroßen Eisklumpen durch das mittlere Apulien, beschädigte sehr viele Oliven und dezimierte eine bis dahin hoffnungsvolle Ernte stark. Unsere Oliviers von der Cooperative Emanuel De Deo aus Minervino und Giuseppe Lombardi aus Andria im nördlichen Apulien hatten Glück, ihre Haine blieben davon verschont.

Aber auch wer sich, wie auch Gunther & Klaus Di Giovanna auf Sizilien, noch auf erträgliche Mengen von Oliven an seinen Bäumen gefreut hatte, schaute in der Olivenmühle dann auf nur geringe Mengen Olivenöl, die aus dem Separator flossen. Langanhaltende Trockenheit, die wie auf Sizilien über vier Monate andauerte, hatten die Oliven „nicht gefüllt“. Als Besonderheit unter Früchten bildet die Olive aus dem Fruchtzucker, der sich wie in jeder Pflanze über die Fotosynthese in den Pflanzen- oder Fruchtzellen bildet, eine einfach ungesättigte Fettsäure – das Olivenöl – aus, als eine besonders stabile Form der Energiereserve. Die Pflanze oder Frucht benötigt für die Zuckerbildung Licht, CO2, Chlorophyll und Wasser. Dort, wo der sonst ab September wiedereinsetzende Regen ausblieb, bildete sich daher nur wenig Fruchtzucker und in der Folge auch nur wenig Olivenöl.

 

Was kommt auf uns zu?

Die ökologischen und klimatischen Herausforderungen
Witterungsbedingte Missernten gab es immer mal wieder. Sie blieben zumeist aber regional begrenzt, so dass wir mit solidarischen Unterstützungen wie dem OlioSoli den Betroffenen helfen und fehlende Mengen über andere Oliviers ausgleichen konnten. Ungünstige Klimatische Einflüsse mit außerordentlichen Folgen für die Ernte haben sich in den letzten Jahren aber in immer schnelleren Folgen gehäuft.

Für Dimitrios Sinanos (Olivenöl No.23) fällt die Bilanz der letzten sechs Jahre mit zwei sehr guten, zwei knapp mittelmäßigen und zwei Totalausfällen der Ernte besonders bitter aus. Auch in diesem Jahr hängen in der ganzen Region Korinth wieder nahezu keine Oliven an den Bäumen. Dimitrios wird nun versuchen, mit anderer Arbeit Geld zu verdienen, um seine sechsköpfige Familie zu ernähren. Erspartes wird noch reichen, um die landwirtschaftlichen Kosten zur Vorbereitung der nächsten Ernte zu bezahlen. Wenn diese dann nicht erfolgreich wird, stellt sich für ihn die Existenzfrage als Olivenlandwirt. Aktuell steht er mit seiner Situation stellvertretend für sehr viele der kleineren und mittelgroßen Olivenlandwirte in allen mediterranen Regionen.

Auch Ioannis Fronimakis hat zusammen mit seiner Nichte Maria und seinem Neffen Niko einen nahezu totalen Ausfall der Ernte zu beklagen. Hier kam zu den heißen und trockenen Tagen zur Blütezeit im Frühling ein weiterer Verlust durch unzeitig frühen Regen im Sommer dazu, der die Populationen der Olivenfliegen zu früh entstehen ließ. Das wenige Olivenöl, das aus den nun vielfach von Larven beschädigten Oliven gewonnen werden konnte ergab mit hohen Säuregradwerten nur Lampant-Olivenöl, eine Qualität, die ohne vorherige Raffination nicht zum Verzehr geeignet ist.

Allein die Umstellung auf kontrolliert biologischen Anbau reicht nicht mehr aus
Mit der Umstellung auf kontrolliert ökologischen Anbau haben wir von Anbeginn die Olivers unterstützt, damit sie ihre intensive Landwirtschaft stärker in den Einklang mit der Natur bringen können. Angesichts der wachsenden Geschwindigkeit des Klimawandels diskutieren wir schon länger noch tiefgreifendere Maßnahmen. Mit der Bildung einer Fachgruppe zu Methoden der Agroforstwirtschaft suchen wir neue Wege für eine Transformation des Olivenanbaus, um insbesondere die Widerstandskraft der Böden mit größerer Fähigkeit zur Wasserspeicherung gegen die Folgen des Klimawandels zu stärken. In den Herbst-Auskünften hatten wir über die Fortschritte dazu berichtet. Allein die Klimasituation in diesem Jahr wird uns mit ihren Folgen „kaum Luft zum Atmen geben“, auch weil die Klimaforscher für das kommende Jahr keine Besserung prognostizieren.

Die preislichen Herausforderungen
Mit den klimabedingten Ernteausfällen und der vielfachen Ertragsschwäche der verbliebenen Oliven wird die weltweite Nachfrage für das kommende Jahr nur noch zu ca. 60% gedeckt werden. Wie eingangs ausgeführt, hat es das in diesem Umfang bisher noch nicht gegeben. Damit stehen wir vor einem hochspekulativen Markt, in dem die Tonne Olivenöl durchschnittlich 61% teurer gehandelt wird und der Verbraucher bereits jetzt 43,5% mehr bezahlen muss als im Vorjahresmonat, obwohl das Olivenöl der aktuellen Ernte nur vereinzelt auf den Markt gekommen ist (Statistisches Bundesamt). In den mediterranen Ländern ist Olivenöl nicht ein, sondern das Grundnahrungsmittel. Ein relevanter Teil der Bevölkerung wird sich Olivenöl zu diesen Preisen gar nicht mehr leisten können. So berichten unsere Oliviers aus ihren Regionen, dass sich derzeit private Haushalte mit dem Kauf von 20 Liter-Kanistern Olivenöl noch aus den Angeboten der Ernte 2022/23 die Keller voll stellen.

Auch unsere Erzeugerpartner und -partnerinnen sind von Ausfällen betroffen und auch bei guter Ernte können sie sich nicht vollständig der Marktdynamik entziehen. Mit den Abwehrmaßnahmen gegen die Klimafolgen haben sich ihre landwirtschaftlichen Kosten in diesem Jahr überproportional erhöht. So suchte Jose Gálvez (Olivenöl No.13) recht erfolgreich die Blüten und Fruchtansätze durch Bewässerung bei der Hitze und Trockenheit zur Blütezeit zu retten. Allerdings stiegen damit seine Wasserkosten um 30% und Wasser ist in den mediterranen Ländern schon lange kein billiges Gut mehr.

In all diesen Auswirkungen werden auch wir von den größeren Preiserhöhungen nicht unberührt bleiben, wenngleich unser Konzept der solidarischen Landwirtschaft mit langen Partnerschaftsbeziehungen uns dabei Spielräume ermöglichen wird, die andere nicht haben.

Kurz- und langfristige Aktivitäten und Maßnahmen werden gleichermaßen dringlicher

Mit der jetzt eingetretenen Situation wird die bereits länger schon eingeleitete größere Dynamik der Klimaveränderungen nun unübersehbar. Die vor uns liegende Zuspitzung wird nach einem Jahr nicht verschwunden sein, auch wenn die Ernte dann vielleicht wieder besser ausfällt. Die darunter liegenden, klimabedingten Strukturprobleme werden auf hohem Niveau weiterwirken und großen Einfluss auf die Ökonomie behalten. Mit unserem Konzept der Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft und der solidarischen Landwirtschaft konnten wir Ernteausfälle und vereinzelte Krisen bisher noch gut mit dem OlioSoli abfedern. Aber der Geschwindigkeit wegen, mit der sich Krisenzuspitzungen häufen werden – womit wir in dieser Form nicht rechnen konnten –, werden wir unsere Bemühungen weiter ergänzen und konzeptionell erweitern müssen. Das wird leider nicht alles so schnell gehen, wie wir uns das gerne wünschen. Vieles von dem, was wir begonnen haben – wie Agroforstwirtschaft und Kreislaufwirtschafts-Olivenmühle –, befindet sich noch im Stadium der Forschung und Entwicklung, des Experiments, der Erprobung und muss in langen Zeiträumen gedacht werden. Wie erfolgreich die Veränderungen sein werden und welchen nachhaltigen Einfluss sie auf die Natur und das Klima nehmen können, zeigt sich frühestens nach fünf bis fünfzehn Jahren.

Die Herausforderung der kommenden Olivenölkampagne wird daher eine doppelte sein: zum einen an diesen Projekten festzuhalten und sie schneller voranzubringen, zum anderen mit einem Bündel von ökonomisch wirksamen, kleinteiligen und solidarischen Maßnahmen die notwendigen Preiserhöhungen in einem Rahmen zu halten, der es allen ermöglicht, weiterhin genießerische Freunde des Olivenöls zu bleiben.

Erste Ansätze

· Mit der Erweiterung des Ein-Euro-Museumstalers zum Ein-Euro-Klimataler stärken wir die ökonomische Basis für landwirtschaftliche Transformationsprojekte, die wir zunächst auf den arteFakt Museums- und Patenschafts-Olivenhainen in Apulien und auf Kreta als Pilotstudien durchführen. Bei jeder Bestellung kann das hier gern mit nur einem Euro als Spende unterstützt werden.

· Mit der Einrichtung des Social-Partnership-Fonds zur Gewährung des Kaufs eines Jahresvorrates auf Raten für jene, deren monatliches Budget die Reserve dafür nicht hergibt, stärken wir den gemeinschaftlichen Zusammenhalt auch der Konsumenten und Konsumentinnen untereinander. Zum Füllen des Fonds haben bereits fast einhundert arteFakt-Freunde ein zinsfreies Kleindarlehen von ein- bis zweihundert Euro für ein Jahr zugesagt und weitere Geber*innen sind herzlich willkommen.

· Dimitrios Sinanos würden wir gern behilflich sein hier in Deutschland eine vorübergehende Arbeit zur ökonomischen Kompensation seines Ernteausfalls zu finden. Dimitrios spricht passabel englisch, ist ein landwirtschaftlich und maschinentechnisches Multitalent mit unternehmerischen Selbstorganisationsfähigkeiten. In Griechenland würde er damit spielend einen Aushilfsjob finden, allerdings nur mit max. 1.000 Euro im Monat bezahlt, was seine finanzielle Notlage nicht löst. Die erneute Einrichtung eines OlioSoli lehnt Dimitrios ab. Seine Bilanz der letzten sechs Jahre, mit zwei guten, zwei mittelguten Ernten und zwei Totalausfällen und jetzt wieder einem Totalausfall, lassen ihn grundsätzlicher über seine Zukunft als Olivier nachdenken. Dimitrios will seine und die Existenz seiner Familie nicht auf Spenden gründen müssen, „ich kann arbeiten“ sagt er „und mir damit die nötigte Zeit verschaffen Wege zu suchen, wie es weitergehen kann“.

· Auch für Ioannis, Maria und Niko Fronimakis fällt mit dem Ernteausfall ein Jahreseinkommen weg. Mit der Entwicklung einer Aprikosen-Konfitüre, als Reaktion auf den ersten Ernteausfall von Dimitrios, konnten wir 2014 etwas Abhilfe für ihn verschaffen. Eine ähnliche Idee kam uns bei unserem kürzlichen Besuch bei der Familie Fronimakis. Der klimabedingt immer frühere Reifungsprozess der Oliven lässt uns länger schon das beliebte native Wildfenchel-Olivenöl nicht mehr herstellen. Die jungen Farne des Wildfenchels beginnen erst mit dem Regen im Januar aus dem Boden zu sprießen, dann wenn es jetzt keine Oliven mehr gibt. Was könnte mit dem aromatisch sehr feinen Wildfenchel stattdessen hergestellt werden, das war unsere Frage. Beim Abendessen ergab sich eine Idee, als der auf Kreta beliebte Rote Beete-Salat mit Feta auf den Tisch kam. Ihn zu einem Paté mit Wildfenchel zu verarbeiten könnte ein ebenso leckeres Ersatzprodukt wie die Aprikosen-Konfitüre werden. Wir warten noch auf die ersten Wildfenchelfarne Anfang Januar und dann kann es losgehen.
Wer Dimitrios Sinanos und der Familie Fronimakis bei ihren Vorhaben behilflich sein möchte und kann, wende sich unter der Rufnummer 0172.4241136 oder per Email: c.boelicke@arteFakt.eu an uns.

 

Der Rutsch ins neue Jahr wird nicht für alle ein leichter werden, lassen Sie uns gemeinsam daran mitwirken, dass es aber auch für sie ein gutes werden wird. Im Januar werden wir hierzu weitere Vorschläge zur Diskussion stellen. Ein Glas ist halb leer oder halbvoll, so bringen schwierige Zeiten immer auch etwas Spannendes mit sich, weil Neues gedacht und gemacht werden kann. In diesem Sinne wünsche wir uns eine kreative, mutige und mutmachende Debatte über Lösungsideen und -beiträge dazu in den nächsten Monaten bis zum Beginn der 26. Olivenölkampagne im März 2024.

Mit freundlichen und genossenschaftlichen Grüßen

Ihr
arteFakt Vorstand

Ein Grundsatzkommentar zu dem Projekt der Re-Vitalisierung des Schulgartens der Nehring-Grundschule und seiner Einordnung

Von Conrad Bölicke

Hier klicken für Aktuelles zum Schulgarten: Zwei Tage körperlicher Arbeitseinsatz und erster Honig!

 

Erstmals Gegenstimmen

Der Vorschlag des Vorstandes auf der letzten Generalversammlung für das Schulgartenprojekt die sehr stark gestiegenen Materialkosten für den wetterfesten Unterstand mit Mitteln aus dem Klima- und Generationen-Zukunftsfonds abzufedern, fand zwar eine große Mehrheit, erstmals gab es aber auch Gegenstimmen. Für zwei Mitglieder führte die Antragsannahme zur Begründung für ihren Austritt aus der Genossenschaft. In ihrer Argumentation sollten Mittel aus dem Fonds nur für das Themenfeld Olivenöl vergeben werden.

 

arteFakt war immer mehr als nur „Olivenöl“

Von Anbeginn der Gründung habe ich arteFakt nicht nur als Entwickler und Förderer guter und authentischer Olivenöle und ihrer Oliviers verstanden. Auch in zahlreiche zivilgesellschaftliche Projekte, insbesondere für Kinder und Jugendliche, haben wir uns mit eingebracht oder sie auch initiiert, sowohl im Lebensbereich unserer Partner-Oliviers als auch in unserem hier in Deutschland. Die Anregungen der Projekte kamen oft aus dem Kreis der Olivenölfreunde und heute auch von Mitgliedern der Genossenschaft.

Neben der solidarischen Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft für die Sache des Olivenöls war und ist unser zivilgesellschaftliches Engagement wichtiger Bestandteil. Einen Olivenbaum pflanzt man nicht für sich, sondern zum Nutzen der nachfolgenden Generation, so nennen das seither die Oliviers.

Das Schulgartenprojekt war dabei eher einem Zufall geschuldet, dieser ist hier nachzulesen.

 

Selbstorganisationsfähigkeit einer Zivilgesellschaft

Es war von Anbeginn meine unternehmerische Haltung, erwirtschaftete Gewinne nicht an mich privat auszuschütten, sondern sie zu teilen. So habe ich das als alleiniger geschäftsführender Gesellschafter in der Zeit von arteFakt als GmbH gehalten, und so ist es mit dem Übergang in die Genossenschaft in der Satzung fortgeschrieben. Gewinne habe ich immer als von allen Beteiligten gemeinsam erwirtschaftet angesehen und sie daher nicht nur in die Unternehmung re-investiert, sondern gern auch in die Gemeinschaft pro-investiert. Für mich war und ist das mehr als nur Idealismus. Die Stärke und Resilienz einer sich freiheitlich und demokratisch orientierenden Gesellschaft sehe ich nicht nur in ihrer politischen und juristischen Verfasstheit, sondern besonders auch in ihrer zivilgesellschaftlichen Fähigkeit, sich selbst zu organisieren. In einer Zeit, in der sich vieles wird ändern müssen, um unsere eine Welt, die wir nur haben, in Balance zu halten, wird das essentiell sein.

Mit der Herausbildung eines neuen und eigenen Marktes in der Erzeuger-Verbrauchergemeinschaft für eine andere Art von „Nativem Olivenöl Extra“ und gegen die zerstörerischen Auswirkungen des jahrzehntelangen und noch anhaltenden Betruges, haben wir etwas von dieser möglichen Stärke aufzeigen können. Nicht in jedem Land wäre das „erlaubt“ gewesen und geschafft haben wir das nicht nur mit der besonderen Qualität unserer Olivenöle. Wesentlich war es die Aufbruchstimmung der achtziger und neunziger Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts die Dinge des Lebens nicht nur anders, sondern auch selber machen zu wollen. Und von Anbeginn ging es mit der Gründung von arteFakt daher auch um das Erreichen ökonomischer Eigenständigkeit zur Finanzierung formulierter Utopien. Günter Faltin, Berliner Professor für Ökonomie und Entrepreneurship, benannte die eigene Unternehmung der Teekampagne anfangs als „Projektwerkstatt für kreative Ökonomie“, die er nicht als Umgehung von Besteuerungen erzielter Gewinne verstand. Vielmehr sah er ein Defizit bei Gründern und Gründerinnen, die sich lange und gründlich mit ihren Produkt- und kreativen Unternehmensideen beschäftigten, nicht aber ebenso mit einer dazu passenden neuen Idee der Ökonomie. Das hatte ich aus meiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Teekampagne mitgenommen und arteFakt daher auch ökonomisch als gesellschaftliches Gemeinschaftsprojekt zu entwickeln versucht. Die ökonomische Grundlage von arteFakt besteht daher nicht nur aus dem Verkauf von Olivenöl, sondern auch aus solidar-ökonomischen Modulen gemeinschaftlichen Handelns und der Mitnutzung unserer betrieblichen Infrastruktur dafür. Die Auskünfte 2023 bilden das recht ausführlich ab. Damit finanzieren wir diese Projekte nicht über die Preise, der von uns angebotenen Produkte, sondern haben parallel dazu eine Art Sozialökonomie geschaffen. Lange schon zählt z.B. der Ein-Euro-Museumstaler dazu, die Patenschaftsübernahme der Olivenbäume und noch neu das3 in 1–Konzept“ für Projekte, aktuell mit dem Angebot von schwarzem Reis.

Frei nach Josep Beuys, dem ich einen weiteren Gründungsimpuls verdanke, kann eine Unternehmung auch eine „Soziale Skulptur“  sein, die dann gesellschaftlich mehr abbildet, als nur den Verkauf von Waren zu organisieren.

 

… und was ist Reichtum?

Auch bei John Ruskin, englischer Schriftsteller, Ökonom, Künstler und Sozialutopist (1819-1900), schöpfte ich bei der Gründung, kulminiert in seiner Formulierung: „Ein gutes Produkt ist nicht dann ein gutes, wenn es sich nur leicht verkaufen lässt. Ein gutes Produkt soll das Leben bereichern und verschönern, daher darf sich alles Wirken nicht nur auf den Verkauf des Produktes richten, sondern muss weit darüber hinaus bis ins Leben reichen – denn nur Leben ist Reichtum“. Seit fünfundzwanzig Jahren machen wir uns das zu eigen und investieren daher auch in zivilgesellschaftliche und kulturelle Handlungsfelder, über das Olivenöl hinaus. Im Schwerpunkt sind es Projekte, hier bei uns und in den Ländern und Regionen unserer Partner-Oliviers, für Kinder und Jugendliche zum Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen, in denen durch praktische Teilhabe ihre Fähigkeit zur Selbstermächtigung gefördert wird.

 

Kann es einen Schulgarten nur geben, wenn er staatlich finanziert wird?

In meiner Kindheit, in den 1950iger Jahren, war das so. Welche Schule hat heute aber noch einen Schulgarten, Mittel zu seiner Unterhaltung und Personal ihn zu betreuen? Und wäre er angesichts der Klima- und Ernährungsproblematik, denen die nächsten Generationen nicht mehr wird ausweichen können, wieder sehr wertvoll? Die Aussicht auf staatliche Hilfen zu ihrer Einrichtung sind gering und warum entdeckt die Elternschaft an der Nehring-Grundschule ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation dafür nicht? Vielleicht weil wir uns in den langen Jahren der Wohlstandsentwicklung so daran gewöhnt haben, viele Dinge nicht mehr selbst zu organisieren, sondern sie vom Staat zu bekommen und jetzt auch zu fordern, statt selbst tätig zu werden, es also schlicht verlernt haben? Eigentlich ist es doch ein trauriges Bild, wenn man die Freude der Kinder in dem Schulgarten sieht, dass es bisher nicht gelungen ist, die Eltern der Kinder für eine Mithilfe bei dessen Revitalisierung zu gewinnen. Z.B. mit unserem Modell des Ein-Euro-Museumstalers, mit dem wir seit Jahren unsere Landschaftsmuseen mitfinanzieren. Ein Euro wäre für Jeden möglich und es ist immer wertvoller von 1.000 Menschen nur einen Euro zu erhalten als 1.000 Euro von nur einem. Vielleicht werden es jetzt die Kinder sein, die mit ihrem Lehrer und unserer Unterstützung ihren Eltern den Wert der Selbstorganisationsfähigkeit aufzeigen. Frank Schmidt fehlten 1.500 Euro Eigenmittel, um sich an einem Bienenförderprogramm für Berliner Schulen beteiligen zu können. Bei einem Jahreshaushalt von nur 300 Euro für den Schulgarten war das nicht zu schaffen. Wir halfen aus und mit den zwei Bienenvölkern, die jetzt im Schulgarten leben, verlieren die Kinder nicht nur ihre Angst vor Bienen, sondern lernen auch wichtige Zusammenhänge der Natur. Und mit dem Verkauf der ersten 20 Kilogramm geerntetem Honig beginnen sie sich ihre Haushaltsmittel selbst zu erwirtschaften.

Für Veränderungen, die allen auch etwas abfordern, braucht es oft zunächst enthusiastische und engagierte Persönlichkeiten, die bereit sind, gegen Beharrungskräfte auch allein zu beginnen. Auch wir haben in den zurückliegenden 25 Jahren solche Hilfen erfahren. Gern unterstützen wir daher Menschen, die sich auf den Weg machen über notwendige Veränderungen nicht nur zu reden, sondern sie auch anzupacken suchen.

Wir haben nur diese eine Welt und erleben gerade wie fragil sie geworden ist. Um für all die großen und komplexen Herausforderungen zukunftsfähige Lösungsansätze zu finden, bedarf es nicht nur der Politik, sondern vielmehr einer unternehmerisch befähigten und solidarisch gefestigten Zivilgesellschaft. In dem in Kürze erscheinenden Bericht des Weiterbildungstreffens mit unseren Oliviers und Fachexperten in Andalusien wird das wegen der Klimasituation ein wichtiges Thema sein.

Auch hier haben wir, wie im Gesellschaftlichen und Politischen, keinen Einfluss auf das Weltklima, können aber beginnen, das Mikroklima mit der Rückführung unseres Handelns im Einklang mit der Natur zu beeinflussen. Zusammen können wir „Leuchtturmprojekte“ daraus entwickeln und Nachbarn, die jetzt noch skeptisch sind, zum Mitmachen anregen und damit dann Einfluss auf regionale Klimata erlangen. Es wird ein langer Weg voller Schwierigkeiten und vieler Experimente werden, diese unsere eine und einzige Welt, die wir in einen labilen Zustand haben kommen lassen, in Balance zu halten. Das wird nur gemeinsam gehen, weshalb ich die GmbH in die Genossenschaft überführt und darin manches in der Präambel und der Satzung festgeschrieben habe, was arteFakt in den letzten 25 Jahren geprägt und ausgemacht hat. U.a. zählt die Gewinnverteilung dazu, die zur Bildung des „Klima- und Generationen-Zukunftsfonds“ geführt hat. 30% der Gewinne der Genossenschaft müssen laut Satzung an den Fonds abgeführt werden und über deren Verwendung entscheidet die Generalversammlung der Mitglieder. Die Intention des Fonds ist es, die nachfolgenden Generationen zu ermutigen und dabei zu unterstützen, sich ihren Zukunftsfragen auf praktische Weise mit Vorhaben und Experimenten zu stellen. Mit dem bisherigen ganzheitlichen Ansatz von arteFakt, lässt sich das nicht immer nur eng auf Olivenöl beschränken.

Eine Entwicklung bei der arteFakt sich nur auf das Thema Olivenöl und seinen Vertrieb verengen würde, halte ich nicht für zukunftsfähig. Die normative Wirkung eines derart verengten Blickes führt schnell zu anderen Effizienskriterien, denen des Handels, die sich dann an der Optimierung des Verkaufs ausrichten und nicht mehr darüber hinaus bis ins Leben reichen würden.

 

Genossenschaft-Mitglieder-Rundbrief vom 2. Juni 2023

Guten Tag liebe Mitglieder,

mit dem Juni endet die erste Phase der Olivenölkampagne, in der traditionell vielfach die für beide Seiten ökonomisch und ökologisch günstigere Variante der Bestellung eines Jahresvorrats in Großpackungen genutzt wird. Bis Ende des Monats macht sich dieser Vorteil preislich noch besonders bemerkbar und ab Juli gelten dann die leicht erhöhten Preise unseres „Normalbetriebes“. Schauen Sie mal rein, vielleicht nutzen sie den Preisvorteil bis Ende Juni noch zum Ergänzen Ihrer Vorräte.

In gewisser Weise ist der Juni auch immer die Halbzeit der Olivenölkampagne und die Zeit für eine Zwischenbilanz. Im Jubiläumsjahr lassen die Einflüsse der multiplen Krisen es leider nicht recht zu, das Jahr mit freudiger Leichtigkeit zu begehen. Äußere Faktoren, die uns wohl länger als gewünscht begleiten werden und auf die wir wenig bis gar keinen Einfluss haben, fordern uns auf neue Art heraus.

 

Die 23. Olivenöl-Abholtage wieder in alter Form

Nach den Jahren der Coronapause konnten wir die Olivenöl-Abholtage wieder ohne Einschränkungen und mit nur passiven Vorsorgemaßnahmen durchführen. Flankiert von zwei sonnigen Tagen stellte sich damit schnell die gelöste und freudige Stimmung früherer Zeit zwischen Erzeugern und Verbrauchern über das Wiedersehen und den direkten Austausch wieder ein.

Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Besucher und Besucherinnen deutlich an, was die Wirtschaftlichkeit der Veranstaltung verbesserte, aber noch nicht die früheren Zahlen aus der Zeit vor der Pandemie erreichte. Die vielen positiven Rückmeldungen und die merkliche Zahl erstmaliger und jüngerer Besucher und Besucherinnen ermutigen uns an dem Format festzuhalten und es weiter zu entwickeln. Die Sonderausstellung „Proteine – wie wir sie in Zukunft essen“, die wir in Zusammenarbeit mit Slow Food und regionalen Startups präsentierten, war dafür ein guter Anfang, sie wurde mit großer Neugier und Offenheit angenommen.

Das jährliche Weiterbildungstreffen der Oliviers kann wieder stattfinden

Nach der längeren Zwangspause werden wir uns vom 8. bis 12. Juni wieder mit allen Oliviers und Fachexperten für einige Seminartage treffen können. Gastgeber ist dieses Mal Jose Gálvez aus der Region Jaen in Andalusien, der das würzige Olivenöl No.13 der Picual-Oliven und das feinfruchtige aus der Hojiblanca erzeugt. Wenn wir uns dort treffen wird José gerade aus Kanada zurückgekommen sein, wo er zwei hohe Auszeichnungen für seine Olivenöle in Empfang nehmen konnte.

Unser jährliches Treffen, bei dem sich Oliviers verschiedener mediterraner Länder und Regionen zum Erfahrungsaustausch und der Verabredung gemeinsamer Entwicklungsziele treffen, ist immer noch eine einmalige Besonderheit. Neben den Qualitätsthemen zur Stabilität und damit der Haltbarkeit der Olivenöle und der MOSH/POSH-Problematik (siehe aktuelle Auskünfte 2023), stehen die Auswirkungen des Klimawandels und der Möglichkeiten, wie wir diesem begegnen könnten, im Mittelpunkt des Treffens. Zur Einflussnahme auf das Mikroklima der Olivenhaine befassen wir uns dafür schon länger mit der Projektierung einer Oliven-Kreislaufwirtschaftsmühle und der Agroforstwirtschaft. Auf dem Treffen, zu dem wir entsprechende Experten eingeladen haben, möchten wir zur Verabredung weiterer konkreter Versuchsprojekte kommen. Mit ihnen möchten wir den Aufbau einer eigenen Kompetenzinfrastruktur fördern, mit der wir uns dann auch an größere und mit öffentlichen Mitteln geförderte Projekte heranwagen können. Hierüber werden wir nach dem Treffen ausführlich berichten und auch Möglichkeiten einer Beteiligung der Mitglieder und der arteFakt-Freunde aufzeigen.

Umsatzrückgang und Klimaschäden der Olivenblüten

Mit den kürzlichen Bildern in den Nachrichten waren die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels mit zu hohen Temperaturen und zu großen Regenmengen in vielen mediterranen Regionen zu sehen. Alle Oliviers berichteten bereits bei den Olivenöl-Abholtagen, dass sie damit für das kommende Jahr leider erneut mit einer eher nur geringen Ernte rechnen müssen. Die Wetteranomalien erfassten die Blütezeit der Olivenbäume, so dass langer und heftiger Regen viele Blüten faulen und enorme Hitze von bis zu 40°C sie vertrocknen ließen. Es hoffen nun alle, dass die Zeit bis zur Ernte halbwegs normal verläuft, damit die noch intakten Blüten sich zu stabilen Oliven entwickeln können. Bei unserem Treffen in Andalusien werden sie uns genaueres über die Entwicklung berichten.

Auch die Berichte über das derzeitige Konsumverhalten der Verbraucher und Verbraucherinnen in Deutschland füllen seit Wochen die Medien. Die vielfache Zurückhaltung, insbesondere beim täglichen Konsumbedarf, oder ein Ausweichen auf preisgünstigere Varianten, geht auch an uns nicht vorbei. Aktuell verzeichnen wir eine Zunahme der Nachfrage unseres Basic- und Brat-Olivenöls und insgesamt einen Umsatzrückgang von ca. 8%. Unser junges Team steht damit gleich zu Beginn seines Starts in die Verantwortungsübernahme zur Gestaltung der arteFakt-Zukunft für die nächste Generation vor größeren Herausforderungen als vorhersehbar. Das wird uns auch als Gemeinschaft herausfordern und wie seit über fünfundzwanzig Jahren werden wir das in solidarischem Mit- und Füreinander mit kreativen Ideen zu meistern suchen.

In diesem Sinne sehe ich der vor uns liegenden zweiten Phase der Olivenölkampagne mit einiger Zuversicht entgegen.

Mit genossenschaftlichen Grüßen
Ihr

Conrad Bölicke