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Im Zeichen des Klimas – drei Sommerreisen zu unseren Oliviers

Schon bei dem Weiterbildungstreffen zeichnete sich ab, dass die größte Herausforderung für die Oliviers erneut die Klimasituation werden wird. So erhielt Dimitrios Sinanos bereits während des Treffens die Nachricht von nahezu 40°C bei sich zu Hause in Klenia auf dem nördlichen Peloponnes.

In den Tagen und Wochen danach erhielten wir weitere Berichte der Oliviers über die Situation zur Olivenblüte und den ersten Fruchtansätzen. Es ergibt sich daraus ein gemischtes Bild, viele klagten über Wassermangel und zu früh einsetzende hohe Temperaturen, die Blüten und Fruchtansätze geschädigt haben. So entschieden wir uns schon jetzt für Besuche, um uns selbst ein Bild davon zu machen und uns gegebenenfalls frühzeitig über notwendige Hilfsmaßnahmen auszutauschen.

 

Katalonien – Spanien

Josep Maria und Flavia trafen wir in ihrer neuen Mühle an, wo Josep die Sommerpause zu ihrer weiteren Fertigstellung nutzte. Nicht unüblich ergaben sich nach ihrer erstmaligen Nutzung bei der letzten Ernte noch Notwendigkeiten für kleinere Verbesserungen an der Technik und den Räumlichkeiten für die Abläufe des gesamten Arbeitsprozesses. Als größeres Projekt zur Entwicklung einer abfallfreien Olivenmühle wird es in den nächsten Jahren weiterhin zu Veränderungen kommen, für die dann wieder die Sommerpause genutzt werden wird. So besprachen wir auch die Fortsetzung der ersten Forschungsaktivitäten bei der kommenden Ernte, die wir in Kooperation mit dem Olivenmühlenhersteller GEA Westfalia in Oelde hier durchführen. Es geht dabei um die Erfassung und stoffliche Zusammensetzung aller Bestandteile der Olive und ihrer Veränderungen in den einzelnen Abschnitten des Mühlenprozesses.

 

Ein Winter ohne Regen

Ein anschließender Besuch in den Olivenhainen der Umgebung zeigte uns die Wirkung des ausgebliebenen Regens im Winter und der anhaltenden Trockenheit, sowie die Schutzlosigkeit des Bodens in der bisher üblichen Anbauweise der Olivenlandwirtschaft.

Bilder, die sich uns beim Durchstreifen der Olivenhaine immer wieder boten, vertrocknete Blüten, kümmerliche Fruchtansätze und manche Bäume trugen auch etwas mehr.    

 

Von allen Pflanzen bereinigte Böden können der Trockenheit nichts entgegen setzten. Auch die ausgelegten Wasserschläuche sind dann nutzlos und bleiben leer, weil hier alles verfügbare Wasser zunächst dem Tourismus vorbehalten ist. Bei großer Trockenheit bleibt dann nur wenig oder gar nichts für die Landwirtschaft übrig.

 

Josep berichtet, dass die Situation nicht einheitlich sei, während in manchen Regionen die Bäume aussehen wie hier auf den Bildern, gibt es in anderen einen durchschnittlich normalen Olivenbehang. Erst im September wird man sehen, welchen Ertrag es geben wird, dass er gut wird glaubt Josep aber eher nicht.

Bessere Nachrichten kommen aus Andalusien. Nach der Trockenheit im letzten Jahr mit großen Ernteausfällen hat es dort jetzt viel geregnet und die Stauseen sind wieder mit 70% Wasser gut gefüllt, was eine gute Ernte erwarten lässt.

 

Winzer und Oliviers leiden gemeinsam

Unsere Zeit reichte noch zu einem Ausflug in die Hochebenen des Priorats und des Montsants zur Wein-Cooperative Capçanes und Jürgen Wagner. Auf dem Weg dorthin wurde das ganze Ausmaß der Trockenheit in den leeren Stauseen sichtbar, die nur noch mit 5% Wasser gefüllt waren. Den Winzern geht es damit ebenso wie den Olivenlandwirten. Die Trockenheit hat die Reben nicht richtig wachsen lassen und Jürgen zeigte uns die nur klein ausgebildeten Trauben, die an ihnen hingen. Jürgen blickt aber nicht nur pessimistisch auf die Trauben, er sprach von Glück, dass die zu dieser Jahreszeit unüblich geringen Temperaturen von nur knapp über 20° Celsius den Pflanzen gerade gegen die Trockenheit helfen.

 

 

 

 

Peloponnes – Griechenland 

Mit dem Credo des Weiterbildungstreffens „ohne Boden ist alles nichts“ wollten wir uns nicht nur ein eigenes Bild von den Olivenhainen im Norden des Peloponnes bei Dimitrios und im Süden bei der Kooperative Eleonas machen, sondern auch das Humuserde-Projekt von Dr. Eisenbach besuchen.

Auch Dimitrios trafen wir bei der Arbeit, neben seiner Mühle brachte er gerade zwischen den Olivenbaumreihen Zucchinisamen in die Erde. Gewissermaßen eine Notmaßnahme, die Trockenheit hatte zusammen mit den hohen Temperaturen erneut einen großen Teil der Olivenblüten vertrocknen und verbrennen lassen. Lediglich auf den wenigen Hainen, die er bewässern kann, konnten sich Oliven bilden. Dimitrios erwartet damit erneut nur einen Ertrag von 15 bis 20% Oliven. So wie ihm geht es allen in der Region.

 

 

 

Auf den bewässerten Hainen zeichnet sich eine mittelmäßig gute Ernte ab.

 

Auf einem nicht bewässerten Olivenhain zeigt uns Dimitrios die Trockenschäden. Die Blüten sind hier nicht nur vertrocknet, sondern z.T. durch die Hitze auch verbrannt. Das hat auch manche Triebspitzen der Zweige erfasst, die dadurch in diesem Jahr nicht mehr wachsen werden. Das hat bereits Folgen für das nächste Jahr, weil sich Blüten immer nur an den einjährigen Trieben bilden.

 

Ein kleiner Lichtblick – die Aprikosen-Konfitüre

Bei unserem Eintreffen war es gerade der letzte Tag, an dem die ganze Familie die letzte Partie ihrer beliebten Aprikosen-Konfitüre herstellte. Durch die früher als sonst einsetzende Blütezeit der Aprikosen waren die Früchte bereits vor dem Einsetzen der Hitzewelle gut entwickelt, so dass sie diese unbeschadet überstanden. Dimitrios konnte damit eine quantitativ und qualitativ besonders gute Ernte der Aprikosen einbringen. Frühzeitig hatten wir ihn gebeten die doppelte Menge an Konfitüre herzustellen, um ihm unter dem Motto „Aprikosen statt Oliven“ zur Herbst-Kampagne solidarisch zu helfen seine absehbaren Verluste der Oliven etwas abzumildern.

 

 

Zwei Seminartage im Biocycling Park in Kalamata

Bereits beim Weiterbildungstreffen war Dimitrios von den Vorträgen zur Herstellung von Humuserde und dem biozyklisch-veganen-Anbau auf ihr, nach der Methode des Agrarwissenschaftlers Dr. Eisenbach, angetan und war nun darauf gespannt, ihn in Kalamata zu treffen und sein Projekt nicht nur in Bildern zu sehen. Die Verwendung von 35% Oliventrester und 20% Olivenblättern zur Herstellung der Humuserde ist für Olivenmüller wie Dimitrios besonders interessant. Der Verzicht auf tierische Exkremente bei der Kompostierung erfordert weitere Zusätze aus Gemüse- und Gemüsepflanzenresten zu denen Dimitrios in seinem Dorf einen Zugang hätte. Auf der Fahrt nach Kalamata holten wir noch Nikos ab, den Vorsitzenden der Kooperative Eleonas und er hatte bessere Nachrichten zu den Oliven dabei. In ihrer Region um Pylos und auf der Hochebene von Gargaliani hatte es im Winter geregnet, sie haben keine ausgeprägte Trockenheit und die Blüten haben Früchte angesetzt, so dass eine normal gute Ernte zu erwarten ist.

Zusammen verbrachten wir mit Johannes Eisenbach zwei spannende Tage in seinem Biocycling Park. Das Thema wird uns noch länger beschäftigen und wir stellen das geplante Klima-Versuchsprojekt bald ausführlicher vor, wenn Dimitrios es zur nächsten Vegetationsperiode beginnt und arteFakt ihn dabei unterstützen wird. Mit den folgenden Bildern vermitteln wir einen ersten Eindruck.

 

 

 

 

Apulien, Abruzzen & Umbrien – Italien

Kurz vor der Abreise nach Apulien erreichte uns noch eine Nachricht von Gunther und Klaus Di Giovanna von Sizilien zu ihrer Situation: „Das Jahr ist nicht sehr produktiv, weil wir dieses Jahr 60% der Olivenbäume beschnitten haben und die Dürre im Winter und Frühling uns nicht hilft. Wir hoffen sehr auf Regen Ende August und Anfang September, der die Situation verbessern könnte, aber das ist natürlich nur eine Hoffnung. Regelmäßig wässern wir die Bäume und das hilft das Problem zu reduzieren. Eine bessere Prognose wird es erst im September geben können.“

In Bitonto wartete schon Michele Librandi auf uns, er war aus Kalabrien angereist, weil wir mit ihm die Aufnahme der Arbeit unserer kürzlich gegründeten Agroforst-Fachgruppe besprechen wollten, für deren Leitung wir Michele gewinnen konnten.

 

Ernteschwaches Jahr und Trockenheit im Süden

Im letzten Jahr hatten Kalabrien und Apulien eine außerordentlich gute Olivenernte. Einer guten Ernte folgt im Jahr darauf die Erholung der Bäume mit einem schwächeren Ertrag, was ein natürlicher Biorhythmus ist. Michele Librandi aus Kalabrien, Giuseppe Lombardi aus Andria und Giulio Sciascia aus Minervino berichten alle, dass die Trockenheit weniger die Blüten betroffen hat, als dadurch jetzt das Wachstum der Fruchtansätze gefährdet ist.

 

Palombaio

Bei einem Besuch unseres Patenschafts-Olivenhains und Landschaftsmuseums in Palombaio konnten wir im Landschaftsbild die Auswirkungen der Trockenheit sehen, vieles an Pflanzen war vertrocknet, dann wurden wir jedoch von unseren Olivenbäumen mit vielen und gut gewachsenen Oliven überrascht. Es überraschte auch Michele, da wir den Hain ja nicht bewässern können.

Bild 1: Bei Regen wird manches wieder grün, etliche Pflanzen werden aber neu gesetzt werden müssen.

Bild 2: Bereits gut gewachsene Ogliarola-Oliven, die eine gute Ernte andeuten.

Andria

Wie Dimitrios auf dem Peloponnes hatte auch Giuseppe Glück mit einer guten Ernte seiner Pfirsiche und Nektarinen, sie reifen bei der Hitze aber schneller und die Ernte beginnt daher bereits morgens um 4.00 Uhr und wird vor der einsetzenden Mittagshitze beendet.

 

Hier trafen wir auch unser Genossenschaftsmitglied, Marco aus Bayern, der zur Obsternte angereist war, um beim Ernten mit Giuseppe italienisch zu lernen.

 

Minervino Murge

Weiter ging es nach Minervino Murge um Mauro zu beglückwünschen, er war erneut zum Vorsitzenden der Cooperative Emanuel De Deo gewählt worden. In der Cooperative hatten sie gerade den Hartweizen eingebracht und Giulio berichtete enttäuscht, dass die Trockenheit nur einen mäßigen Ertrag erbracht hatte. Wir waren hier nicht nur wegen der Oliven, die Cooperative könnte ein Partner für erste größere Pilotprojekte zur Humuserde und zur Gewinnung von Pflanzenkohle im Rahmen unserer Projekte der Kreislaufwirtschaft sein und an beidem haben sie Interesse.

Zum Abschluss trafen wir noch unseren langjährigen Freund Antonio Ippolito, den Vorsitzenden des Heimatvereins von Minervino, der nach langer und schwerer Krankheit wieder gut dabei und fast der Alte ist und wieder die Kraft hat, den Jugend-Fussballaustausch von Minervino mit unserer Samtgemeinde in Gang zu bringen. Wir freuen uns darauf.

 

Bild 1: Mauro und Giulio von der Cooperative DeDeo.

Bild 2: Antonio Ippolito

 

Castilenti in Umbrien

 

Weiter ging es nach Castilenti in die Abruzzen zu den Tini`s, wo sich die ganze Familie für uns eingefunden hatte. Daria und Dora, die Mütter von Vincenzo und Roberta hatten sich wieder ins Zeug gelegt und ein üppiges Fisch- und Meeresfrüchteessen vorbereitet. Vincenzo wies noch darauf hin, dass die Sauce aber von seinem Vater Bruno gemacht wurde, das könne keiner so gut wie er.

Roberta tischt auf – mehr Italien geht nicht.

 

 

So liebevoll und genussvoll die Speisen für uns immer zubereitet werden, sind sie doch eine der Anstrengungen der Besuche, weil es immer zu viel ist und es schwer fällt das gastfreundliche Nachfüllen der Teller abzuwehren.

Auch hier in den Abruzzen erwarten Vincenzo und Roberta keine üppige Ernte, aber wenn das Wetter keine Kapriolen schlägt, wird es für sie und uns reichen. Mit ihrer kleinen Olivenmühle interessieren sich beide auch für das Projekt der Humuserde, weil sie mittlerweile an die Abnehmer des Oliventresters Geld bezahlen müssen und eine Selbstverwertung Vorteile bringen könnte. Wir informierten sie über unseren Besuch in Kalamata und erörterten die Möglichkeiten für eine Umsetzung hier in Castilenti, dann ging es schon wieder weiter nach Umbrien.

 

Trivio in Umbrien

Hier in dem kleinen Ort in 900 Meter Höhe, wo die Straße in den Sibillinischen Bergen endet, empfingen uns nicht nur Gloria und ihre kleine Tochter Lucrezia mit großer Freude, sondern endlich auch angenehme Temperaturen. Statt 37 bis 38°C, die uns bisher begleitet hatten, waren es hier für uns gewohnte sommerliche 28°C und am Abend mussten wir bei 21°C Kühle sogar einen Pullover überziehen.

Gloria Angelini mit Tochter Lucrezia (9 Monate alt) und Klaus Haase, unser langjähriger Dolmetscher und ehemaliger Leiter der Reisen nach Italien.

 

Domenico und Antonio kamen erst spät von der Baustelle, sie errichten gerade eine größere Lagerhalle und die Ernte der Lenticchie war bereits im Gange, zu der uns Domenico am nächsten Morgen mitnahm.

 

In über 1.000 Meter Höhe wachsen hier die Berglinse Lenticchie und die Urerbse Roveja. Die Lenticchie ist bereits gemäht, die Roveja braucht aber noch Zeit und Domenico lässt uns von ihnen kosten, die noch grün bereits schon sehr gut schmecken.

 

Bettona in Umbrien

Die letzte Station und leider nur mit Zeit für einen kurzen Besuch waren Graziano und Romina Decimi.

Sie und auch ihre Tochter Margherita konnten in diesem Jahr nicht zu dem Weiterbildungstreffen kommen und so waren die wenigen Stunden vollgepackt mit Informationen zu den dort behandelten Themen und Ergebnissen. Wie in den Abruzzen erwarten Graziano und Romina keine so drastischen Ernteeinbußen wie in anderen Regionen. Die Trockenheit macht sich auch hier bemerkbar, die Blüte war aber gut und es haben sich die ersten Fruchtansätze schon gut zu Oliven entwickelt.

 

 

Die Reise ist zu Ende und von Bologna aus geht es zurück nach Bremen. Zur Olivenernte kommen wir dann wieder zu unseren Freunden und Oliviers zurück, dann um die Oliven zu ernten.

Aktuelles aus der Genossenschaft zum Weiterbildungs-Jahrestreffen der Oliviers

Zum festen Programm zählt das jährliche Treffen mit allen Oliviers, bei dem wir uns über die aktuellen Herausforderungen verständigen und uns zu damit verbundenen Fachthemen gemeinsam fortbilden. In diesem Jahr hatten wir uns Fachexpert*innen aus Deutschland zur Kreislauf- und Agroforstwirtschaft eingeladen, weshalb das Treffen in diesem Jahr bei uns im Norden im Ringhotel Paulsen in Zeven stattfand.

Eingeladen hatten wir

  • Staatl. gepr. Lebensmittelchemiker Christoph Sippel, vom Hamburger Lebensmittel-Analytikinstitut EUROFINS und Leiter des Hanseatischen Olivenölpanels zu sensorischen Einflüssen auf Olivenöle in Folge der sich verändernden Klimabedingungen.
  • Prof. Dr. Anja Noke für Umweltbiotechnik, Hochschule Bremen – City University of Applied Sciences, zu den Möglichkeiten einer Wertstoffgewinnung aus Reststoffen der Olive, die bei der Olivenölgewinnung in der Olivenmühle anfallen.
  • Harald von Sehlen vom Permakulturpark Steyerberg, der PaLS gGmbH – für das Humuserde-Konzept und Projekt des Agrarwissenschaftlers Dr. Johannes Eisenach in Kalamata auf dem Peloponnes in Griechenland zur verbesserten Wasserspeicherfähigkeit und Steigerung der Fruchtbarkeit des Bodens für eine Resistenz- und Resilienzentwicklung der Olivenhaine im Zeichen des Klimawandels.
  • Dipl.-Ing. agr. Ulrike B. Rapp zur Agroforstwirtschaft, als freiberufliche Beraterin und Projektbegleiterin für viele Jahre in Südamerika tätig.
  • Dipl.-Ing. agr. Walter Danner, Gründer und Unternehmer der Snow Leopard Projects GmbH in Reisbach und Initiator und Förderer der Entwicklungshilfe-NGO „char2cool“ für afrikanische Trockenregionen zur Produktion von Pflanzenkohle als Habitat für Mikroorganismen in der Bodenwelt sowie zur langfristigen CO2-Bindung.

Die Häufung sogenannter Jahrhundertereignisse von extremer Hitze und Trockenheit bestimmen länger schon den Alltag der Oliviers, mit einer auch existenzbedrohenden Abfolge von Missernten. Zu ihrer Abwehr reichen bisherige landwirtschaftliche Korrekturmaßnahmen nicht mehr aus. Grundsätzliche Veränderungen der bisherigen Olivenlandwirtschaft, auch der Bio-Landwirtschaft, werden notwendig sein, damit die Olivenhaine dem Klimawandel trotzen können. Die Veränderungen werden einem Paradigmenwechsel gleichen und damit tief in das bisherige Leben der Oliviers eingreifen, dass sich bisher weitgehend am Vegetationsrhythmus des Olivenbaums orientiert. Eine notwendige allseitige Diversifizierung erfordert erweiterte Qualifikationen für neue Pflanzenkonzepte, für technische Neuerungen und sich verändernder Marktkonzepte. Vor dem Hintergrund den in der Landwirtschaft stark verwurzelten kulturellen Prägungen und Traditionen wird der Mentalitätswechsel die größere Herausforderung sein. Es erwartet uns ein Prozess, vor dem wir schon einmal standen, zu Beginn von arteFakt, als wir uns den „Ölwechsel“ vornahmen.

Über die vielen Jahre haben wir uns dabei mit unserem Erzeuger-Verbraucher-Konzept zu einer Entwicklungsgemeinschaft geformt, was es heute allen leichter macht sich den Neuerungen schneller zu öffnen. Die vor uns liegende Aufgabe die Landwirtschaft mit der Natur und den sich verschärfenden Klimabedingungen für halbwegs sicher planbare Verhältnisse in Einklang zu bringen, dass wird aber eine deutlich schwerere Aufgabe werden, als das Olivenöl neu zu erfinden. Auch die Umstellung auf ökologischen Anbau dauerte jeweils nur drei Jahre bis zu ihrer Zertifizierung, weil es dafür keine grundlegenden Änderungen erforderte. Das wird jetzt anders und wir müssen in Zeiträumen von fünf bis fünfzehn Jahren für erste sichtbare Erfolge denken.

Agroforstwirtschaft und erste Experimente

Bereits auf den beiden letzten Treffen hatten wir uns darauf verständigt uns die Agroforstwirtschaft als Leitfaden für eine Transformation zu wählen. Mit vertiefenden Informationen aus mehreren Blickwinkeln darauf brachten uns bei dem jetzigen Treffen die Referent*innen zunächst alle auf den gleichen Wissensstand, unterlegt mit fachlich- und wissenschaftlichen Erläuterungen. Mit der Vorstellung bereits realisierter Projekte in verschiedenen Regionen und dabei gemachten Erfahrungen gelangten wir dann schnell auf die Ebene der praktischen Fragen. Da alle Referent*innen nicht nur wissenschaftlich arbeiten, sondern auch an derartigen Umsetzungsprojekten auf praktische Weise mitarbeiten, gelangten wir schnell in die Erörterung von notwendigen Planungsschritten und Vorarbeiten die notwendig werden, wenn wir eigene Projekte zum Erproben und Lernen in Angriff nehmen wollen.

Ohne Boden ist alles nichts

Die Ausgangsfrage, wer eigentlich den Boden gedüngt hatte, bevor es uns Menschen gab, führte uns schnell davon weg Lösungen in der Optimierung von Einzelfaktoren zu suchen. Die Agroforstwirtschaft sucht Lösungen im Zusammenführen und im Optimieren synergetischer Beiträge für eine Gemeinschaft und nicht für die effektivste Bedingung von Einzelnen. Es wird dabei jetzt vorrangig um die Verbesserung der Wasserspeicherfähigkeit, der Bodenfruchtbarkeit, der Entwicklung von Bodenlebewesen und von Pilznetzwerken gehen, für eine sich gegenseitig unterstützende Pflanzenvielfalt, die nicht nur verbraucht, sondern selbst auch wieder aufbauen kann.

Mit vielfältigen Experimenten beginnen

Das Treffen endet mit der Verabredung, dass alle Oliviers sich aus dem Bestand ihrer Olivenhaine eine Fläche mit zwölf darauf stehenden Olivenbäumen markieren, auf der sie mit kleinen Maßnahmen die Transformation zur Agroforstwirtschaft erkunden. Sie werden die Ist-Situation auf der Fläche aufnehmen und unsere im letzten Jahr gegründete Agroforst-Fachgruppe, unter Leitung von Michele Librandi, wird dann den Oliviers jeweils individualisierte Empfehlungen für erste Maßnahmen geben.

Darüber werden wir berichten und es wird für die Mitglieder und arteFakt-Freunde möglich sein sich individuell oder von uns organisiert an den Maßnahmen vor Ort zu beteiligen.

Die Weiterbildungstage endeten wie immer mit einem abschließenden gemeinsamen Mittagessen, bevor sich alle zu unterschiedlichen Zeiten wieder auf den Heimweg machten.

Unser Dank gilt den Referent*innen, die uns mit ihren Beiträgen ein gutes Stück vorangebracht und uns ihre weitere Hilfe bei den nun anstehenden Projekten angeboten haben.

Ein Grundsatzkommentar zu dem Projekt der Re-Vitalisierung des Schulgartens der Nehring-Grundschule und seiner Einordnung

Von Conrad Bölicke

Hier klicken für Aktuelles zum Schulgarten: Zwei Tage körperlicher Arbeitseinsatz und erster Honig!

 

Erstmals Gegenstimmen

Der Vorschlag des Vorstandes auf der letzten Generalversammlung für das Schulgartenprojekt die sehr stark gestiegenen Materialkosten für den wetterfesten Unterstand mit Mitteln aus dem Klima- und Generationen-Zukunftsfonds abzufedern, fand zwar eine große Mehrheit, erstmals gab es aber auch Gegenstimmen. Für zwei Mitglieder führte die Antragsannahme zur Begründung für ihren Austritt aus der Genossenschaft. In ihrer Argumentation sollten Mittel aus dem Fonds nur für das Themenfeld Olivenöl vergeben werden.

 

arteFakt war immer mehr als nur „Olivenöl“

Von Anbeginn der Gründung habe ich arteFakt nicht nur als Entwickler und Förderer guter und authentischer Olivenöle und ihrer Oliviers verstanden. Auch in zahlreiche zivilgesellschaftliche Projekte, insbesondere für Kinder und Jugendliche, haben wir uns mit eingebracht oder sie auch initiiert, sowohl im Lebensbereich unserer Partner-Oliviers als auch in unserem hier in Deutschland. Die Anregungen der Projekte kamen oft aus dem Kreis der Olivenölfreunde und heute auch von Mitgliedern der Genossenschaft.

Neben der solidarischen Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft für die Sache des Olivenöls war und ist unser zivilgesellschaftliches Engagement wichtiger Bestandteil. Einen Olivenbaum pflanzt man nicht für sich, sondern zum Nutzen der nachfolgenden Generation, so nennen das seither die Oliviers.

Das Schulgartenprojekt war dabei eher einem Zufall geschuldet, dieser ist hier nachzulesen.

 

Selbstorganisationsfähigkeit einer Zivilgesellschaft

Es war von Anbeginn meine unternehmerische Haltung, erwirtschaftete Gewinne nicht an mich privat auszuschütten, sondern sie zu teilen. So habe ich das als alleiniger geschäftsführender Gesellschafter in der Zeit von arteFakt als GmbH gehalten, und so ist es mit dem Übergang in die Genossenschaft in der Satzung fortgeschrieben. Gewinne habe ich immer als von allen Beteiligten gemeinsam erwirtschaftet angesehen und sie daher nicht nur in die Unternehmung re-investiert, sondern gern auch in die Gemeinschaft pro-investiert. Für mich war und ist das mehr als nur Idealismus. Die Stärke und Resilienz einer sich freiheitlich und demokratisch orientierenden Gesellschaft sehe ich nicht nur in ihrer politischen und juristischen Verfasstheit, sondern besonders auch in ihrer zivilgesellschaftlichen Fähigkeit, sich selbst zu organisieren. In einer Zeit, in der sich vieles wird ändern müssen, um unsere eine Welt, die wir nur haben, in Balance zu halten, wird das essentiell sein.

Mit der Herausbildung eines neuen und eigenen Marktes in der Erzeuger-Verbrauchergemeinschaft für eine andere Art von „Nativem Olivenöl Extra“ und gegen die zerstörerischen Auswirkungen des jahrzehntelangen und noch anhaltenden Betruges, haben wir etwas von dieser möglichen Stärke aufzeigen können. Nicht in jedem Land wäre das „erlaubt“ gewesen und geschafft haben wir das nicht nur mit der besonderen Qualität unserer Olivenöle. Wesentlich war es die Aufbruchstimmung der achtziger und neunziger Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts die Dinge des Lebens nicht nur anders, sondern auch selber machen zu wollen. Und von Anbeginn ging es mit der Gründung von arteFakt daher auch um das Erreichen ökonomischer Eigenständigkeit zur Finanzierung formulierter Utopien. Günter Faltin, Berliner Professor für Ökonomie und Entrepreneurship, benannte die eigene Unternehmung der Teekampagne anfangs als „Projektwerkstatt für kreative Ökonomie“, die er nicht als Umgehung von Besteuerungen erzielter Gewinne verstand. Vielmehr sah er ein Defizit bei Gründern und Gründerinnen, die sich lange und gründlich mit ihren Produkt- und kreativen Unternehmensideen beschäftigten, nicht aber ebenso mit einer dazu passenden neuen Idee der Ökonomie. Das hatte ich aus meiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Teekampagne mitgenommen und arteFakt daher auch ökonomisch als gesellschaftliches Gemeinschaftsprojekt zu entwickeln versucht. Die ökonomische Grundlage von arteFakt besteht daher nicht nur aus dem Verkauf von Olivenöl, sondern auch aus solidar-ökonomischen Modulen gemeinschaftlichen Handelns und der Mitnutzung unserer betrieblichen Infrastruktur dafür. Die Auskünfte 2023 bilden das recht ausführlich ab. Damit finanzieren wir diese Projekte nicht über die Preise, der von uns angebotenen Produkte, sondern haben parallel dazu eine Art Sozialökonomie geschaffen. Lange schon zählt z.B. der Ein-Euro-Museumstaler dazu, die Patenschaftsübernahme der Olivenbäume und noch neu das3 in 1–Konzept“ für Projekte, aktuell mit dem Angebot von schwarzem Reis.

Frei nach Josep Beuys, dem ich einen weiteren Gründungsimpuls verdanke, kann eine Unternehmung auch eine „Soziale Skulptur“  sein, die dann gesellschaftlich mehr abbildet, als nur den Verkauf von Waren zu organisieren.

 

… und was ist Reichtum?

Auch bei John Ruskin, englischer Schriftsteller, Ökonom, Künstler und Sozialutopist (1819-1900), schöpfte ich bei der Gründung, kulminiert in seiner Formulierung: „Ein gutes Produkt ist nicht dann ein gutes, wenn es sich nur leicht verkaufen lässt. Ein gutes Produkt soll das Leben bereichern und verschönern, daher darf sich alles Wirken nicht nur auf den Verkauf des Produktes richten, sondern muss weit darüber hinaus bis ins Leben reichen – denn nur Leben ist Reichtum“. Seit fünfundzwanzig Jahren machen wir uns das zu eigen und investieren daher auch in zivilgesellschaftliche und kulturelle Handlungsfelder, über das Olivenöl hinaus. Im Schwerpunkt sind es Projekte, hier bei uns und in den Ländern und Regionen unserer Partner-Oliviers, für Kinder und Jugendliche zum Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen, in denen durch praktische Teilhabe ihre Fähigkeit zur Selbstermächtigung gefördert wird.

 

Kann es einen Schulgarten nur geben, wenn er staatlich finanziert wird?

In meiner Kindheit, in den 1950iger Jahren, war das so. Welche Schule hat heute aber noch einen Schulgarten, Mittel zu seiner Unterhaltung und Personal ihn zu betreuen? Und wäre er angesichts der Klima- und Ernährungsproblematik, denen die nächsten Generationen nicht mehr wird ausweichen können, wieder sehr wertvoll? Die Aussicht auf staatliche Hilfen zu ihrer Einrichtung sind gering und warum entdeckt die Elternschaft an der Nehring-Grundschule ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation dafür nicht? Vielleicht weil wir uns in den langen Jahren der Wohlstandsentwicklung so daran gewöhnt haben, viele Dinge nicht mehr selbst zu organisieren, sondern sie vom Staat zu bekommen und jetzt auch zu fordern, statt selbst tätig zu werden, es also schlicht verlernt haben? Eigentlich ist es doch ein trauriges Bild, wenn man die Freude der Kinder in dem Schulgarten sieht, dass es bisher nicht gelungen ist, die Eltern der Kinder für eine Mithilfe bei dessen Revitalisierung zu gewinnen. Z.B. mit unserem Modell des Ein-Euro-Museumstalers, mit dem wir seit Jahren unsere Landschaftsmuseen mitfinanzieren. Ein Euro wäre für Jeden möglich und es ist immer wertvoller von 1.000 Menschen nur einen Euro zu erhalten als 1.000 Euro von nur einem. Vielleicht werden es jetzt die Kinder sein, die mit ihrem Lehrer und unserer Unterstützung ihren Eltern den Wert der Selbstorganisationsfähigkeit aufzeigen. Frank Schmidt fehlten 1.500 Euro Eigenmittel, um sich an einem Bienenförderprogramm für Berliner Schulen beteiligen zu können. Bei einem Jahreshaushalt von nur 300 Euro für den Schulgarten war das nicht zu schaffen. Wir halfen aus und mit den zwei Bienenvölkern, die jetzt im Schulgarten leben, verlieren die Kinder nicht nur ihre Angst vor Bienen, sondern lernen auch wichtige Zusammenhänge der Natur. Und mit dem Verkauf der ersten 20 Kilogramm geerntetem Honig beginnen sie sich ihre Haushaltsmittel selbst zu erwirtschaften.

Für Veränderungen, die allen auch etwas abfordern, braucht es oft zunächst enthusiastische und engagierte Persönlichkeiten, die bereit sind, gegen Beharrungskräfte auch allein zu beginnen. Auch wir haben in den zurückliegenden 25 Jahren solche Hilfen erfahren. Gern unterstützen wir daher Menschen, die sich auf den Weg machen über notwendige Veränderungen nicht nur zu reden, sondern sie auch anzupacken suchen.

Wir haben nur diese eine Welt und erleben gerade wie fragil sie geworden ist. Um für all die großen und komplexen Herausforderungen zukunftsfähige Lösungsansätze zu finden, bedarf es nicht nur der Politik, sondern vielmehr einer unternehmerisch befähigten und solidarisch gefestigten Zivilgesellschaft. In dem in Kürze erscheinenden Bericht des Weiterbildungstreffens mit unseren Oliviers und Fachexperten in Andalusien wird das wegen der Klimasituation ein wichtiges Thema sein.

Auch hier haben wir, wie im Gesellschaftlichen und Politischen, keinen Einfluss auf das Weltklima, können aber beginnen, das Mikroklima mit der Rückführung unseres Handelns im Einklang mit der Natur zu beeinflussen. Zusammen können wir „Leuchtturmprojekte“ daraus entwickeln und Nachbarn, die jetzt noch skeptisch sind, zum Mitmachen anregen und damit dann Einfluss auf regionale Klimata erlangen. Es wird ein langer Weg voller Schwierigkeiten und vieler Experimente werden, diese unsere eine und einzige Welt, die wir in einen labilen Zustand haben kommen lassen, in Balance zu halten. Das wird nur gemeinsam gehen, weshalb ich die GmbH in die Genossenschaft überführt und darin manches in der Präambel und der Satzung festgeschrieben habe, was arteFakt in den letzten 25 Jahren geprägt und ausgemacht hat. U.a. zählt die Gewinnverteilung dazu, die zur Bildung des „Klima- und Generationen-Zukunftsfonds“ geführt hat. 30% der Gewinne der Genossenschaft müssen laut Satzung an den Fonds abgeführt werden und über deren Verwendung entscheidet die Generalversammlung der Mitglieder. Die Intention des Fonds ist es, die nachfolgenden Generationen zu ermutigen und dabei zu unterstützen, sich ihren Zukunftsfragen auf praktische Weise mit Vorhaben und Experimenten zu stellen. Mit dem bisherigen ganzheitlichen Ansatz von arteFakt, lässt sich das nicht immer nur eng auf Olivenöl beschränken.

Eine Entwicklung bei der arteFakt sich nur auf das Thema Olivenöl und seinen Vertrieb verengen würde, halte ich nicht für zukunftsfähig. Die normative Wirkung eines derart verengten Blickes führt schnell zu anderen Effizienskriterien, denen des Handels, die sich dann an der Optimierung des Verkaufs ausrichten und nicht mehr darüber hinaus bis ins Leben reichen würden.